Stolpersteine? Stolpersteine!
Gedenken ist einfach, Gedenken ist manchmal schwer. Und Erinnern macht uns zu Menschen, lässt uns bewahren, was wichtig ist. Wichtig ist Menschlichkeit, der Einsatz für Freiheit, für Toleranz und Demokratie. Das wird uns immer wieder bewusst, wenn wir miterleben, wie in der Welt Menschen für ihre Rechte streiten. Vor Jahren schon entwickelte der Künstler Gunter Demnig die Idee, mit Stolpersteinen an Opfer des Nazi-Regimes zu erinnern. Der Arbeitskreis „Ludwigshafen-setzt Stolpersteine“, der die Initiative von Gunter Demnig seit mehreren Jahren aufgegriffen hatte, führte am 2. April 2011 wieder eine Verlegung durch und die Hälfte der verlegten Steine galten freireligiösen Personen.
Denn aus Anlass des 120jährigen Bestehens beschloss die Freireligiöse Gemeinde Ludwigshafen, einige aus einer Reihe von Mitgliedern mit der Verlegung von Stolpersteinen zu ehren. Sie waren in der Zeit des nationalsozialistischen Regimes verfolgt, verhaftet, eingesperrt, gedemütigt und entrechtet worden. Sie bewahrten sich ihre Würde und setzten sich auch weiter für Freiheit und Recht ein. Ihre Biographien waren von den Schülerinnen des Grundkurses Freie Religion und von Schülern der Berufsbildenden Schule Technik 1 Ludwigshafen (Familie Pister) erarbeitet und als Flyer verteilt worden. Die Schülerinnen und Schüler stellten „ihre Personen“ auch bei jeder Verlegung vor.
Stolperstein für Willi Heidelberg

Der Chemotechniker Willi Heidelberg (*16.1.1905, †16.1.1980) hatte mit seiner Ehefrau Else eine gemeinsame Tochter Traute. Er war Mitglied in der freireligiösen Gemeinde und seit 1920 war er in der SPD aktiv.1933 nahm er an der sozialdemokratischen Widerstandsbewegung in Ludwigshafen teil. Am 25.9.1934 wurde Willi Heidelberg wegen Hochverrat verhaftet. Nach seinem Haftende am 7.3.1935 hatte er bis 1.6.1936 Werksverbot bei der BASF. Nach dem Krieg beteiligte er sich am Wiederaufbau der SPD und wurde 1946 in den ersten Vorstand des wiedergegründeten Ortsvereins gewählt. Von 1952 bis 1964 war er Mitglied im Stadtrat und ab März 1962 war er zudem noch SPD-Fraktionsvorsitzender. Zeitgleich war er auch der Vorsitzende der Naturfreunde Ludwigshafens. 1976 erhielt er das Bundesverdienstkreuz.
Stolperstein für Robert Weber
|
Robert Weber wurde am 02.06.1913 in Mannheim geboren und stammt aus einer Arbeiterfamilie. Sein Vater gleichen Namens fiel im 1. Weltkrieg. Seine Mutter, Anna Weber, geborene Huber, lernte dann einen neuen Mann kennen, Karl Murawski, der ab 1920 Roberts Stiefvater wurde. Roberts Schwester Karola wurde dann 1922 geboren.
Robert Weber besuchte 8 Jahre die Volksschule und fing 1928 seine Lehre zum Bau- und Kunstschlosser an. 1931 meisterte er seine Gesellenprüfung, musste dann aber bei minimaler Bezahlung arbeiten. Die miterlebten Fliegerangriffe im 1. Weltkrieg, die Armut durch den Tod des eigenen Vaters und die Explosion in der BASF, wobei der Stiefvater fast gestorben wäre, waren wichtige Ereignisse, die ihn prägten. Er hatte durch Esperanto auch viele Briefwechsel mit Russen und Japanern.
|
„ Ich habe trotz mancher unfreundlichen Entwicklung großes Vertrauen in die heutige Jugend. Ihr werdet es schaffen, dass sich ein sogenanntes ,Tausendjähriges Reich‘ nicht wiederholen wird.“ (aus seiner Autobiographie 1983) |
In der Politik engagierte er sich gern und viel. So wurde er 1928 Mitglied in der Gewerkschaft, welches er über 50 Jahre blieb. 1929 trat er der sozialistischen Arbeiterjugend bei, in der er gegen den Nationalsozialismus kämpfte. 1931 wechselte er in den kommunistischen Arbeiterverband über. Am 23.11.1932 wurde er verhaftet, doch nach 3 Tagen wieder entlassen.
Doch Robert Weber machte ab da immer wieder Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus. Er wurde am 07.03.1934 verhaftet und wegen Vorbereitung zum Hochverrat unter Anklage gestellt. Daraufhin musste er 18 Monate ins Gefängnis. Dort bekam er auch eine Briefsperre, die 2 Monate ging, da er ungehörige Bemerkungen äußerte. Robert sollte schließlich am 14.09.1935 entlassen werden, kam aber gleich in Schutzhaft und ins KZ Dachau, wo er bis zum 22.12.1937 inhaftiert war. Vom 06.06.1943 bis zum 07.05.1945 wurde er mit dem „Bewährungs“bataillon 999 nach Griechenland und Torgau gebracht.
1945 bis 1947 arbeitete er kurz als Schlosser. Am 02.08.1947 heiratete er dann Gertrud und er bekam 3 Kinder: Hans, Rotraut und Jürgen. Er engagierte sich von 1948 bis 1951 als Kreissekretär in der KPD in Ludwigshafen, am 31.03.1951 trat er aus der KPD aus. Er bestand 1955 seine Schlossermeisterprüfung. Ab 1975 war Robert Weber in Rente, er engagierte sich aber weiterhin. Besonders in der Seniorenarbeit war er sehr aktiv und war ehrenamtlicher Leiter der alten Werkstätte in Ludwigshafen von 1980 bis 1990. Er war außerdem Mitglied der freireligiösen Gemeinde. Am 31.08.1991 starb Robert Weber im Alter von 79 Jahren.
2 Stolpersteine für Josefine und Wilhelm Pister
Die Stadträtin (1929-1933) Josefine-Pauline Pister (geboren 04.11.1895, gestorben
01.01.1981 in Ludwigshafen), war aktives Mitglied der KPD. 1930 war sie Mitglied der erweiterten Bezirksleitung. 1933 kandidierte sie für den Reichstag, vom 3. März bis 1. April
1933 wurde sie aufgrund ihrer politischen Aktivitäten in Schutzhaft genommen. In der Folge
wurde sie immer wieder für kurze Zeit inhaftiert. 1946 war sie erneut Stadtratskandidatin der KPD für Ludwigshafen, 1960 Mitglied der verbotenen Wählergruppe „Vollmer“, die als
Nachfolgeorganisation der KPD agierte, 1969 Mitglied der DKP.
Ihr politisches Engagement zeigte sich unter anderem darin, dass sie als Stadträtin in eineröffentlichen Sitzung (1931) sich nachdrücklich dagegen wehrte, dass die Anträge der KPD, mit denen gegen die Notverordnung des Reichspräsidenten Protest eingelegt werden sollte, nicht zur Beratung angenommen wurden. Ihr Verhalten wurde als „unweibliches Verhalten“ eingestuft und sie wurde des Saales verwiesen.
Aus ihrem Tagebuch geht hervor, dass sie sich bis ins hohe Alter kritisch mit der aktuellen
Tagespolitik auseinander setzte, aber ebenso zeigt sich aus ihren Aufzeichnungen ihr
Interesse an den täglichen Dingen des Lebens. Ihre Briefverbindungen reichten bis nach
Amerika.
Ihr Mann Wilhelm Pister (geboren 13.12.1890, gestorben 10.02.1983 in Ludwigshafen) war ebenfalls Mitglied der KPD. Ohne ein politisches Amt und nicht an exponierter Stelle im
öffentlichen Leben stehend, konnte er sich im inneren Kreis der KPD weniger beobachtet politisch engagieren. Dennoch zeigt sein Berufsweg als gelernter Schlosser und
Fabrikarbeiter die typische Situation eines Arbeiters zwischen Arbeitslosigkeit und
Berufsausübung.
Sein Bruder, Georg Pister, wurde aufgrund seiner politischen Einstellung, nachdem er von
seiner Frau Elisabeth an die Gestapo ausgeliefert wurde, im Konzentrationslager
Mauthausen 1944 ermordet.
Das Bild zeigt Wilhelm und Josefine-Pauline Pister um 1920.

|
Karl Nord wurde am 10. Januar 1912 in Ludwigshafen geboren und stammt aus einer Arbeiterfamilie. Karl Nord besuchte 8 Jahre die Volksschule und arbeitete dann als Laborant. Ab dem Alter von 14 Jahren engagierte er sich in der Sozialistischen Arbeiterjugend. 1927 trat er in die Freireligiöse Gemeinde ein und lernte dort auf einer Sonntagsfeier Dr. Keibel kennen, der ihm “wertvolle Eindrücke” lieferte. 1932 trat er in die Sozialistische Arbeiterpartei über und wurde 1933 Mitglied in der Widerstandsorganisation der SAP in Südwestdeutschland. Am 08. September 1938 wurde er hierfür inhaftiert. Karl Nord wurde im Juni 1939 vom im Mannheimer Schloß tagenden “Volksgerichtshof” aufgrund Hochverrats zu drei Jahren und sechs Monate Zuchthaus verurteilt. Seine Entlassung war am 07. Oktober 1941. |
“Ich war frei. Von der Sonne geblendet, schaute ich in den Horizont; keine Gestapo hatte mich empfangen. Nun konnte es nur noch aufwärts mit mir gehen.” |
Am 4. Januar 1943 wurde er zum Wehrdienst ins “Bewährungs”bataillon 999 eingezogen. 1945 war er für 4 Monate in britischer Kriegsgefangenschaft, danach kehrte Karl nach Ludwigshafen zurück.
Nach seiner Rückkehr wurde Karl noch im gleichen Jahr Mitglied in der SPD und heiratete am 24. Oktober 1942 Johanna, geb. Köhler. Ab dem 1. November 1945 leistete er als Leiter des Kultur- und Presseamtes der Stadt Ludwigshafen Pionierarbeit. Bis 1978 war er Vorsitzender der Theatergemeinde. Genauso engagierte er sich in der Städtischen Musikschule und legte damit den Grundstein für sie. Karl plante Veranstaltungen im Ebertpark und organisierte zahlreiche Kunstausstellungen. Von 1969 bis 1973 war er Gemeindevorsteher der Freireligiösen Gemeinde Ludwigshafen. Ab 1977 war Karl Nord in Rente und wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und wurde 1982 Ehrenmitglied des Pfalzbaus. 1998 wurde er dann für sein jahrzehntelanges Engagement mit dem Maximilianstaler geehrt. Am 11. April 2003 starb Karl Nord im Alter von 91 Jahren in Frankfurt.
“Ich sah es als meine Pflicht an, mich sofort für den Wiederaufbau eines demokratischen Deutschland zur Verfügung zu stellen. Meine Vaterstadt Ludwigshafen übertrug mir die Leitung des Kulturamtes – eine Aufgabe, der ich mich 30 Jahre lang mit Energie widmete.”
(Zitate aus Karl Nord: Im Kampf gegen das Unrecht und für die Freiheit. Ludwigshafen, SPD-Stadtverb. 1986)
2 Stolpersteine für Herbert und Martha Müller

|
Herbert Müller wurde am 13. September 1900 in Ludwigshafen geboren. Er lernte Schriftsetzer und war seit 1917 in der Sozialistischen Jugend aktiv. 1919 trat er der KPD bei und begann seine Politikkarriere. Er starb am 24. November 1994 im Alter von 94 Jahren. |
Martha Müller, geborene Weiß, wurde am 30. Oktober 1901 in Ludwigshafen geboren. Sie stammte aus einer großen freireligiösen Familie und arbeitete als Haushaltshilfe, um die Geschwister zu unterstützen. Sie starb am 12. November 1998 im Alter von 97 Jahren. |
Am 2. Juni 1923 heirateten Herbert und Martha Müller und sie bekamen 2 Söhne. Seit 1928 war Herbert Mitglied im Bayerischen Landtag und zusätzlich seit 1929 im Stadtrat von Ludwigshafen. Am 2. Mai 1933 wurde er verhaftet als Leiter der illegalen Arbeit der KPD. Ab 1. Juli 1933 bis 3. April 1935 war er im KZ Dachau inhaftiert. Nach erneuter illegaler Arbeit floh er 1936 nach Frankreich. Er nahm am spanischen Bürgerkrieg 1937 teil. Ab 1938 lebte er unter falschen Namen wieder in Frankreich, jedoch teilweise interniert. 1945 kehrte er nach Ludwigshafen zurück. Ab 1947 war er wieder für die KPD im Landtag und ein Jahr später wieder im Stadtrat. 1949 trat Herbert zur SPD über. 1969 schied er aus dem Stadtrat aus und 1971 aus dem Landtag. 1983 wurde er Ehrenbürger der Stadt Ludwigshafen, zuvor erhielt er das Bundesverdienstkreuz und andere Ehrungen. Er war von 1973 bis 1985 „Patientenfürsprecher“ am städtischen Klinikum Ludwigshafen, seine Mitarbeit bei den Vereinen in Friesenheim und der Arbeiterbewegung führte er bis ins hohe Alter fort. Wie seine Frau war er Mitglied der Freireligiösen Gemeinde.
Martha Müller hatte seit der Verhaftung ihres Mannes sehr schlechte Lebensbedingungen. Sie erhielt keinerlei staatliche Unterstützung für sich und ihre Söhne. Sie konnte auch wegen politischer Unzuverlässigkeit keine Arbeit finden, stattdessen verlangte man die Scheidung. Nach der Flucht von Herbert bekam sie oft für lange Zeit keine Nachricht von ihm wie er von ihr. Sie und die Söhne überlebten durch die Unterstützung ihrer Familie.
Herbert Müller über die Erfahrungen im KZ Dachau
„Wenn sie das gesehen hatten, was in Dachau und anderen Lagern war, da ist aller Nimbus verschwunden, in diesem System auch nur was Herrliches sehen zu können. Das war das Tiefste, was passieren konnte.“
Und als Fazit seines Lebens:
„Es ist so wertvoll, wenn man zusammenarbeitet, und wenn man Kraft findet und Solidarität hat, dass es wert ist, sich für andere Menschen einzusetzen.“
(Zitate aus einer Rede von Herbert Müller)
Texte von Michele Klein, Kerstin Kofink und Julia Scheuermann, zu Josefine und Wilhelm Pister von Abiturienten der BBS Technik 1 Ludwigshafen.
Bilder der Personen vom Stadtarchiv Ludwigshafen und Familie Weber, Bilder der Verlegung von Siegward Dittmann.
Renate Bauer